Venedig: Verabredungen mit einer Diva

Venezia: Appuntamenti con una diva

Meine erste Verabredung mit der Serenissima: in Kindertagen mitten auf dem Markusplatz. Umgeben von einer aufgeregt flatternden Schar an Tauben, die ich in kindlicher Glückseligkeit fütterte und mich dabei bereitwillig von den Kameras der umher stehenden Touristen ablichten ließ. Es war Spätsommer und Venedig verströmte idyllische Beschaulichkeit.

Mehr als 30 Jahre später: Perspektivenwechsel. Jetzt als Motivsuchender hinter der Linse. In einer Stadt, die selber lebendige Kunst und Kultur ist. Die so beharrlich und tapfer gegen den ihr prophezeiten Untergang kämpft und wohl genau deswegen wie kaum ein anderer Ort auf dieser Welt die Menschen magisch in ihren Bann zieht.

Aber genau Letzteres kann zu einer echten Herausforderung werden:

Wie eine Verabredung mit einer Diva genießen, umringt von tausenden Schaulustigen, gefangen in einem Pulk an unaufhaltsam nach vorne strebenden Getriebenen?

Wie beobachten, wenn es keinen Halt gibt?

Wie in Dialog treten, wenn man sein eigenes Wort kaum versteht?

Die Flucht um die nächste Häuserecke in eine düstere Gasse ließ mich endlich innehalten. Das Licht wurde merklich schwächer und der Drang wenigstens ein Motiv mein Eigen nennen zu können und “im Kasten zu haben” wuchs zunehmend. Schließlich wurde mein Blick von dem malerischen Spiegelbild einer Brücke mit schmiedeeisernem Geländer in einem Seitenarm des Canal Grande angezogen. Im Auf- und Ab des gemächlichen Wellenschlages schmiegten sich die Farbflächen in mannigfaltigen Variationen wie ein Puzzle zu neuen Motiven zusammen. Ich war gefangen und erkundete die unterschiedlichsten Sichtweisen. Einen Schritt nach vorne, auf die Seite, gebückt… fokussiert auf “mein” Foto, das sich im Begriff befand auf den Sensor gebannt zu werden. Man könnte meinen, es schwanden mir die Sinne, aber es war der rutschige Schlick und die algenbewachsene Marmortreppe, die mich den Boden unter den Füßen verlieren ließ. Der unaufhaltsame Fall in den Canal nahm seinen Lauf. Es war Ende September, das Wasser schmutzig und kalt, die Diva hatte von mir voll und ganz Besitz ergriffen…

Eine neue Verabredung folgte einen Monat später. Die Kamera: wieder einsatzbereit, die Wunden: verheilt und alle Kräfte mobilisiert. Die Motivsuche startete ich lang vor der Morgendämmerung. Klamme Feuchte im fast menschenleeren Vaporetto, nur ein paar Hotelangestellte auf dem Weg zur Frühschicht. Auf dem Canal erste Händler Richtung Mercato. In Venezia unter Venezianern. Un po’ di parlare und der Geruch frisch gebrühten Espressos in der Nase. Die Kulissen noch geheimnisvoll vom Nebel verhüllt. Der Markusplatz: menschenleer. Festbeleuchtung von den obersten Reihen. Nur ab und an kreuzte jemand die Kulisse. Magische Momente. Inspiration für die Seele des Künstlers. Träumende Stadt vor dem Ansturm der Tagschicht. Ich hatte endlich das gefunden, nach dem ich gesucht hatte und genoss jede Sekunde meiner Verabredungen als gäbe es kein Morgen….

“Gefesselt von der grazil-fragilen Schönheit dieser ganz besonderen Lagunenstadt; Auf der Suche nach stillen und ruhigen Momenten im Zwiegespräch mit Kunst und Architektur; Andererseits gefangen vom ruhelosen Schauspiel des Lichts und der Metamorphose des Lebens

im Angesicht der nach Ewigkeit strebenden Palazzi, Brücken und Gassen.

Glückseligkeit im Rausch der Sinne, inmitten des Farbspektakels zwischen Himmel und Wasser.

Erwachende Stadt aus träumendem Dunkel, leise Töne einer glanzvollen Diva.

Verschleiert im Nebel der Lagune mit weichen Konturen einer markanten Kulisse.

Schleichendes Dämmern, berstende Nebel, gleißende Strahlen, leuchtende Fassaden.

Die Welt unterwegs im Netz schier unendlich scheinender Kanäle, zu Füßen sich spiegelnder Grazien.”

brigitte schindler